Schlaraffenland auf Schwedisch

Ein freudiger Aufschrei durchbricht das Schweigen des Waldes: „Da steht schon wieder einer!“ Von dort, wo eine sattgrüne Moosfläche die Stämme der hohen Fichten umschmeichelt, kommt die euphorische Antwort: „Und hier ganz viele!“ Die Wälder rund um Axvall sind groß und still. Nur selten stören vom Menschen gemachte Geräusche die Einsamkeit der Natur. Drei Ausnahmen sind es: Entweder die Dorfjugend testet auf der einen schnurgeraden Forststraße die Ralleytauglichkeit ihrer Autos. Pferdefans aus ganz Schweden fiebern beim „Championat“ auf nahe gelegenen Trabrennbahn mit – oder die Pilzsaison hat begonnen.

Dabei sind es weniger die Einheimischen, die sich von Pfifferlingen, Rotkappen und Birkenpilzen zu Begeisterungsstürmen hinreißen lassen. Diesen Nachmittag sind es zwei Münchnerinnen, die ausgerüstet mit Körbchen die Wälder hinter ihrem kleinen roten Ferienhaus durchstreifen. Nicht zum ersten Mal machen die beiden Urlaub in Västergötland und wissen, dass die schwedischen Schwammerl jetzt Hochsaison haben. Vom warmen Regen an diesem Augustmorgen haben sich die beiden Frauen nicht abschrecken lassen. Im Gegenteil: „Dann schießen sie nur so aus dem Boden“, freut sich Sybille Birkhorst, während sie neben einer Familie dottergelber Pfifferlinge kniet, und sagt: „Wonach man bei uns stundenlang sucht, über das stolpert man hier schon nach wenigen Schritten.“ Maria Lehmann nimmt vorsichtig einen stattlichen Steinpilz, der auf Schwedisch „Karl-Johan-Svamp“ heißt, aus dem Korb und erklärt: „Die trockne ich hier und kann sie so mit nach Hause nehmen.“



Rund 100 Kilometer nordöstlich von Göteborg, wo sich heute ein fruchtbarer „Fleckerlteppich“ aus weizengelben Getreidefeldern, dunklen Wäldern und würzig duftenden Moorseen ausbreitet, wogte am Ende der Eiszeit noch ein Meer. Letzte Zeugen dafür sind der 5648 Quadratkilometer große Vänern, Europas drittgrößter Binnensee, und die Tafelberge aus Schichtgestein an seinen Ufern. Aufgrund des milden Klimas, das zwischen Vänern und dem rund 30 Kilometer weiter südöstlich gelegenen Vättern herrscht, gedeihen hier auch empfindlichere Obstsorten. Nicht selten hängen Zweige voll kleiner zuckersüßer Kirschen den Wanderern fast ins Gesicht. Himbeeren blitzen zartrot aus ihren Büschen. Dichte Blaubeer- und Preiselbeerbüsche bedecken den Waldboden. Ihre Ernte behindern höchstens die berüchtigten schwedischen Mückenschwärme oder mannshohe Ameisenhäufen.

Vom Aussterben scheinen die schmackhaften Waldfrüchte jedenfalls nicht bedroht zu sein. Und daher kommt hier auch niemand auf den Gedanken, Gebühren zu erheben oder das Sammeln auf bestimmte Kalendertage zu beschränken. Das verstöße gegen das in Skandinavien geltende Jedermannsrecht. Das „Allemansrätten“ erlaubt es jedem, sich frei – wenn auch verantwortungsvoll – in der Natur zu bewegen, Beeren und Pilze zu sammeln, Blumen zu pflücken und Fische zu angeln. Den Orientierungsläufer, der an diesem Tag den Weg der Pilzsammlerinnen kreuzt, scheinen die kulinarischen Verlockungen nicht zu interessieren. Sein konzentrierter Blick ist zwar auch auf den Boden geheftet, jedoch sucht er allein den günstigsten Weg durch das Unterholz. In der Hand hat der Waldläufer auch kein Körbchen, sondern die Grundausstattung dieser typisch skandinavischen Sportart: Karte und Kompass. Ein kurzes „Hej“, dann ist der drahtige Mann schon wieder hinter den dicken Fichtenstämmen verschwunden.

Nur Walderdbeeren – „Smultron“ heißt die aromatische Köstlichkeit in Schweden – scheinen bei allen Menschen zwischen Malmö und Kiruna eine besondere Freude hervorzurufen. „Smultronstället“ – also Walderbeerstellen – nennen sie daher auch Orte, an denen sie sich besonders gerne aufhalten. Der Begriff gehört zur nationalen Identität. Mit ihm betitelte Ingmar Bergman sogar einen seiner Filme, in dem ein alter Mann zusammen mit seiner Schwiegertochter eine Autofahrt zu den Schauplätzen und Erinnerungen seines Lebens macht. Im Deutschen wurden daraus – wörtlich übersetzt – „Wilde Erdbeeren“, was der besonderen Mystik von Lieblingsorten nicht im gleichen Maße gerecht wird.

Inzwischen ist es Abend geworden, der Regen ist längst stahlblauem Himmel gewichen. Wer in der Umgebung von Axvall heute in Wald und Flur unterwegs war, wäscht sich jetzt Schweiß und Tannennadeln in einem der kleinen Seen vom Körper. Der schilfumrahmte Eggby-Sjö liegt nur wenige Fahrradminuten vom roten Sommerhäuschen der Münchnerinnen entfernt. Jetzt sind auch ihre Männer mitgekommen, die sich gerade kopfüber vom Holzsteg in die klaren Fluten stürzen. Die beiden Frauen sitzen in Handtücher gehüllt und blicken aufs Wasser hinaus. Wer sie gesehen hat, weiß: Hier ist ihre persönliche „Smultronstället“.

© 08/2006 Ute Leitner



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